Das Georgianum - Einige Nutzungsvorschläge und ein abgerissener Gesprächsfaden

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Oder: Was man in Ingolstadt am Beispiel „Georgianum“ über Transparenz lernen kann.

Unter den Kriterien, welche für eine neue Nutzung des Georgianum festgelegt wurden, ragen zwei heraus: - Bezug zur Geschichte des Gebäudes und - öffentlicher Charakter.

Bisherige Nutzungen des Georgianums

Die Geschichte des Georgianum ist in wenigen Worten zusammengefasst: Seminargebäude und Kirche werden um 1495 von Herzog Georg dem Reichen als Priesterseminar errichtet; Nutzung als Priesterseminar bis zum Umzug der Universität 1800 nach Landshut; 1803 im Zuge der Säkularisation Auflassung der Kirche; 1817 Kauf beider Gebäudeteile durch eine Brauerei, zunächst Betrieb einer Gastwirtschaft mit Brau- und Mälzereianlagen, ab 1964 Verwaltung; Ab 1972 Zwischenverpachtung; 1981 Kauf durch die Stadt Ingolstadt; Seitdem im Wesentlichen ungenutzt.

Der Begriff „Öffentlichkeit“ bedarf eigentlich keiner größeren Erläuterung: Freier Zugang zum Großteil des Gebäudes (Seminargebäude, Kirche, Fasshalle) für die Bevölkerung und ihre Gäste in Ingolstadt.

Verschiedene Nutzungsoptionen

Im so genannten Vertiefungsdialog zum Thema „Nutzung für das Georgianum“ vom Juli 2013 wurde die Eignung des Georgianum für die vorgeschlagenen Nutzungsmöglichkeiten dargestellt. Hier nochmals zusammengefasst und ergänzt um die Berücksichtigung des geschichtlichen Bezugs und der Frage nach der Öffentlichkeit:

Museale Nutzung (wie z.B. Geschichte der Hohen Schule, Universitätsmuseum, Haus des reinen Bieres, Apian-Museum der Buchdruckkunst, Mitmach-Museum Natur+ Technik für Kinder, Zeitgeist-Reise, Orban-Sammlung, Jesuiten, Gegenreformation, Mystik, Mary Shelley)

a) Gebäudegruppe ist geeignet, b) geschichtlicher Bezug ist gewährleistet, c) Öffentlichkeit ist gegeben;

Gastronomische Nutzung

a) Seminargebäude und Kapelle sind nicht, die Fasshalle ist nur eingeschränkt geeignet, b) geschichtlicher Bezug ist nur teilweise nachvollziehbar, c) bei einer Beschränkung im Prinzip auf die Fasshalle ist die Öffentlichkeit für den überwiegenden (und wesentlichen) Teil der Gebäudegruppe nicht gegeben;

Verwaltungsnutzung (Kulturamt, Standesamt, Trauungszimmer) und Empfänge

a) Gebäudegruppe ist geeignet – Einschränkung bei technischer Ausrüstung, b) der geschichtliche Bezug ist nicht nachvollziehbar, c) die Öffentlichkeit ist weitgehend ausgeschlossen;

Tourismus (Ausgangspunkt für Stadtführungen, Touristen-Shop)

a) benötigt würden das Erdgeschoss des Seminargebäudes und der Kapelle: beides ist geeignet, b) geschichtlicher Bezug ist gewährleistet, c) Öffentlichkeit ist nur für diesen Bereich gegeben;

Wohnnutzung (Studentenwohnungen)

a) Gebäude nicht geeignet, b) bzgl. Studentenwohnungen historischer Bezug gegeben, c) Öffentlichkeit nicht gegeben

Multifunktion I (soziokulturelle Nutzung, umfassend kulturelles Zentrum, sozialen Treffpunkt, Anlaufstelle für ganz Ingolstadt)

a) Gebäude ist je nach Verwendungszweck geeignet, b) der geschichtliche Bezug erschließt sich nicht wirklich, c) Öffentlichkeit ist partiell gegeben;

Multifunktion II (wie vor, jedoch ergänzt um Verwaltungsnutzungen)

a) Gebäude ist je nach Verwendungszweck geeignet, b) der geschichtliche Bezug erschließt sich nicht wirklich, c) Öffentlichkeit: je mehr Verwaltungsanteil (Büros), desto weniger Öffentlichkeit;

Lehrstuhl/ Institut für Wirtschaftsethik

a) Gebäude ist geeignet – Einschränkung bei technischer Ausrüstung, b) geschichtlicher Bezug ist gegeben, c) Öffentlichkeit nur partiell gegeben.

Ein kooperativer Planungsprozess?

Bis hierhin folgte das Ganze dem selbst gesteckten Ziel eines „kooperativen Planungsprozesses“, „auch wenn dieser zu Beginn des Sanierungsvorhabens vielleicht mit einem höheren Aufwand verbunden ist. Zeitliche, dialogische und planerische „Investitionen“ in breit angelegte bürgerschaftliche Diskussionen und in den Austausch zwischen unterschiedlichen Gruppierungen, besonders in der Anfangsphase, werden sich bei der Umsetzung positiv bemerkbar machen. So hat es die Stadt bei anderen Planungen wohltuend erfahren: denn die Umsetzungsschritte erfolgen dann nach einem offenen Meinungsfindungsprozess in der Bevölkerung mit Empfehlungen an den Stadtrat auf der Basis eines breit abgestimmten Konzeptes.“ (Stadtbaurätin Frau Preßlein-Lehle, Zitat aus der Auftaktveranstaltung vom 15. Mai 2013)

„Sämtliche Ideen sollten danach weiter vertieft werden – unter Berücksichtigung bautechnischer und stadtgesellschaftlicher Aspekte. Im Herbst (2013) sei der nächste Dialogschritt zu tun, zu dem über die Presse und auf der Internet-Seite der Stadt rechtzeitig eingeladen werde.“ (Protokoll des Vertiefungsdialogs vom 03. Juli 2013)

„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“

Dieser angekündigte dritte Teil der Veranstaltungsreihe ist allerdings (Stand Frühjahr 2016) stillschweigend „verschwunden“. „breit angelegte bürgerschaftliche Diskussionen“, „offener Meinungsfindungsprozess in der Bevölkerung“. „Empfehlungen an den Stadtrat auf der Basis eines breit abgestimmten Konzeptes“? Alles Makulatur. Mehr oder weniger offen kann man in der Presse nachlesen, was seitens der Verantwortlichen (Verwaltungsspitze und Partei) weiter getrieben wird: Mischnutzung aus Ethikinstitut, Gastronomie, … Geht ja auch ohne Bevölkerung. Nach dem Motto „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ (Stammt übrigens auch aus einem Trauerspiel.)

Mit Blick auf die derzeitige Finanzlage der Stadt ist zu vermuten, dass jede Diskussion über notwendige Ausgaben für welche Nutzung auch immer im Keim erstickt wird. Was allerdings nicht heißt, dass man sich nicht trotzdem schon beizeiten Gedanken – und zwar konkrete – über eine mögliche Nutzung machen sollte. Hätte zumindest den Vorteil, zu einem späteren Zeitpunkt sich reibungslos und planvoll an die Umsetzung zu machen und nicht wieder mit der leidigen Diskussion über Nutzungsmöglichkeiten von vorne anzufangen. Allerdings: Angesichts der Erfahrungen mit der Halbwertszeit von Stadtratsbeschlüssen (Donaumuseum/ Kavalier Dalwigk) sind auch hier Zweifel angebracht.

Was uns aber nicht davon abhalten kann, unseren Vorschlag für ein Neues Georgianum weiter zu bewerben – mehr dazu unter "Das „Neue Georgianum” – Ein Dokument der Ingolstädter Geistesgeschichte"

Nachtrag: 3 kurze, nicht nur satirische Anmerkungen

– zum „Haus des Reinen Bieres“ – Wer nur Bier im Kopf hat, macht sich zum Vertriebsmitarbeiter der Brauereiwirtschaft, die gut für sich selbst sorgen kann.

– zum „Ethikinstitut“ – Das x-te Ethikinstitut ist letztendlich auch nur ein Schönheitspflaster, um wirtschaftliche Interessen „aufzuhübschen“. Nicht das Institut ist wichtig, wichtig sind die Handlungen jedes Einzelnen. Über die ganz einfache, reale Bedeutung dieser Aussage kann man zurzeit überall nachlesen. Ein guter Bekannter hat mal gesagt: „Hör gut zu, was die Leute tun.“ Dem ist nichts hinzuzufügen

– und zur „musealen Nutzung“ – Wer sagt „Wir brauchen kein neues Museum“, hat vielleicht recht – je nachdem, was man unter Museum versteht. Was Ingolstadt allerdings dringend braucht, ist ein Ort, an dem die wirklich große Geschichte der Stadt lebendig und erlebbar wird. Zum Nutzen der Bürger (Identität), zum Nutzen der Stadt (Image) und zum Nutzen der Wirtschaft (Tourismus).

Einzelnachweise

Stadt Ingolstadt Nutzungskonzept Georgianum [[1]]

Faltblatt / Flyer: “Collegium Georgianum - Informationen zum Gebäude“ [[2]]

Protokoll der Auftaktveranstaltung und Vorstellung der Nutzungsvorschläge [[3]]

Grundsatzüberlegungen räumlicher Nutzung [[4]]

Protokoll der zweiten Bürgerveranstaltung “Vertiefungsdialog“ vom 3. Juli 2013 [[5]]